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Nassauische Neue Presse - 22.02.2001

Krafttraining mit den Waldameisen

Limburg. Rein zufällig lasen die beiden Limburger Thomas Jung (16) und Niko Steiof (15) sowie der 16-jährige Harald Grohganz aus Hadamar im vergangenen Jahr einen Bericht in der Schülerzeitung. Darin behauptete ihr Biologielehrer Dieter Bretz, dass Ameisen die stärksten Tiere der Welt seien, und dass sie das 30fache ihres eigenen Körpergewichts tragen könnten. Diese Aussage weckte die Neugier der drei Gymnasiasten an der Tilemannschule, und sie hakten nach bei Dieter Bretz, der sich seit vielen Jahren mit dem Verhalten und dem Schutz von Ameisen beschäftigt.

Erstes Ergebnis: Ihr Lehrer erzählte ihnen, dass es noch keine Versuche hinsichtlich der Belastbarkeit heimischer Ameisen gegeben habe. Für die drei Zehntklässler, deren Lieblingsfach natürlich Bio ist, war damit klar, dass sie selbst Forschungen anstellen wollten. Ihre Frage: "Wie stark sind Waldameisen wirklich ?".

Beim Regionalwettbewerb "Jugend forscht" zählten sie zu den jüngsten Teilnehmern - und hängten prompt ältere Konkurrenten ab. Ihre Arbeit werden sie nun auch beim Landesentscheid vorstellen. Doch der Erfolg ist nicht entscheidend. Für sie stand von vornherein fest, dass sie auch nach der Präsentation beim Regionalentscheid mit der Arbeit fortfahren würden.
Im März vergangenen Jahres begannen sie mit Feldversuchen. An Ameisenhügeln in Löhnberg, Runkel und Limburg beobachteten sie, was Ameisen schleppen, wann sie mit dem Kiefer tragen, wann sie ihre Last ziehen, und wann mehrere Arbeiter gleichzeitig anpacken. Um die Kraft der Ameisen exakt zu bestimmen, wurden die Träger und ihr Gut genau gewogen.

Dabei gab es allerdings ein entscheidendes Problem. Laut Bretz ist es nämlich bei den Ameisen ebenso wie bei Menschen: Wenn es nicht unbedingt sein muss, würden sie von sich aus nie an ihre Leistungsgrenze gehen. Darum bastelten die Schüler Bleigewichte, die sie auf den Rücken der Ameisen fest klebten - aber so vorsichtig, dass die Tiere dabei nicht zu Schaden kamen. Als getragen galt eine Last dann, wenn das Tier mit ihr nicht nur stehen, sondern auch laufen konnte.

Es zeigte sich, dass eine durchschnittlich zehn Milligramm leichte Waldameise das 30- bis 40fache ihres Körpergewichts tragen kann. Zum Vergleich hob der Weltmeister im Gewichtheben, Ronny Weller, bei einem Körpergewicht von 146,48 Kilo in einem Wettkampf gerade mal 210 Kilo. 5872 Kilo hätten es sein müssen, um mit der stärksten Ameise mitzuhalten.

Die Schüler stellten auch fest, dass es bei den Insekten wie bei Menschen durchaus Leistungsunterschiede gibt. Freiwillig trugen die Ameisen übrigens nur das zehnfache und zogen das 20fache ihres Körpergewichts, wobei letzteres allerdings laut Bretz nicht unter Extrembelastung simuliert werden kann.

Der Ameisenforscher ist stolz auf seine drei Schüler, die über Monate hinweg vier Stunden wöchentlich für das Projekt aufwendeten. "Sie haben gelernt, wie man wissenschaftlich arbeitet, dass man Versuche immer wiederholen muss, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten."

Interessieren würde es Thomas, Harald und Niko jetzt noch, ob es Leistungsunterschiede bei verschiedenen Ameisenarten gibt. Die Blattschneider-Ameise mit ihren langen Beinen soll beispielsweise zu noch viel größeren Leistungen fähig sein.
© BLUE SQUARE GROUP, 15.09.2019